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Verliebt in ein Detail

1. Oktober 2015

Schloss Ambras Innsbruck

Ein kleines, verspieltes Detail ist es, das mich immer schon fasziniert hat: ein schmales, lanzettförmiges Blatt, das zwischen geschwungene, nach außen verlängerten Augenlider geschoben ist und so deren Ende zu einem Blütenmotiv stilisiert. Das Auge gehört einem Mischwesen, das über den Rand einer ovalen Schale blickt. Es hat die Mähne und die Reißzähne eines Löwen, aber die Augen, Ohren und Hörner eines Stieres. Letztere sind so markant, dass das Gefäß unter dem Namen »Stierkopfschale« bekannt wurde, obwohl auch die drei Beine, auf denen die Schale steht, die einer Raubkatze sind.

Das Gefäß besteht aus 284,5 g Gold mit einem Feingehalt von 20,5 Karat. Mit unglaublichem Können hat der Goldschmied (es können auch mehrere gewesen sein) nicht nur das Detail am Auge ornamental umgesetzt, sondern es auch verstanden, Tierkopf und Schalenrand reich mit Ornamenten zu überziehen und gleichzeitig die charakteristischen Merkmale des jeweils gemeinten Wesens erkennbar zu machen. Die Schale stammt aus dem bisher größten Schatzfund des Frühen Mittelalters: Insgesamt 23 Goldgefäße wurden im Jahr 1799 im damals ungarischen Ort Nagyszentmiklós (heute Sânnicolau Mare in Rumänien) durch Zufall gefunden – allesamt Meisterwerke der Goldschmiedekunst. Sie sind heute in Saal XVII der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums Wien zu sehen und zählen zu den Highlights des Museums.

Der auf den ersten Blick einheitliche Charakter des Fundes täuscht jedoch: Die Gefäße wurden zu unterschiedlichen Zeiten von verschiedenen Händen gefertigt und teilweise umgearbeitet; awarenzeitliche Elemente finden sich ebenso wie sanidische oder römisch-byzantinische, exakte Vergleichsstücke fehlen. All das erschwert die zeitliche und kulturelle Einordnung. Doch sind es wiederum Details, die uns einen Anhaltspunkt geben, denn einzelne Ornamente im prunkvollen Dekor der Gefäße sowie Inschriften in einer bis heute ungedeuteten Kerbschrift finden sich sowohl innerhalb des Goldschatzes, als auch auf Funden der Awarenzeit. Das Reitervolk der Awaren kam 567/568 aus dem Osten in das Karpatenbecken und errichtete in der Folge ein mächtiges Reich, das mehr als 200 Jahre Bestand haben sollte. Ein Zusammenhang des Fundes von Nagyszentmiklós mit dieser Kultur liegt daher sehr nahe.

Einige Gefäße – es sind insgesamt sechs – bilden Paare, wobei die Zwillingsstücke jeweils nicht völlig gleich sind, sondern kleine Unterschiede in den Verzierungen zeigen. Auch unsere Stierkopfschale hat einen »Bruder«. Als der Wunsch an die Antikensammlung herangetragen wurde, ein ausgewähltes Meisterwerk in der Ausstellungsreihe »Zu Gast in Ambras« zu zeigen, war schnell klar, dass es eine Stierkopfschale sein soll. Aber welche? Der Erhaltungszustand erlaubte es beiden gleichermaßen, die Reise nach Innsbruck ins Ambraser Antiquarium anzutreten. Auch war keines der beiden Gefäße in den letzten Jahren öfter auf Ausstellungen zu sehen als das andere. Liebe Leserin, lieber Leser, Sie ahnen es bereits! Richtig – ein kleines, verspieltes Detail am Auge, das nur unsere Schale zeigt und in das sich die Kuratorin verliebt hatte, gab den Ausschlag...

Karoline Zhuber-Okrog, Kuratorin
Antikensammlung / Ephesosmuseum


Informationen zur Ausstellung finden Sie hier


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